Rundbrief, der dritte
leider immer ohne Fotos..vielleicht kommen die irgendwann noch nach..
Liebe Unterstuetzer,
die letzten 2 Monate sind wie im Flug vergangen. Das neue Jahr hat angefangen, wie das alte aufgehoert hat: mit Ferien. Da kann man sich nicht beklagen.
Hoffentlich hattet ihr alle einen aehnlich guten Start in 2007!
Die Zeit zwischen den Ferien war gezeichnet von Stress. Es wurden Examen geschrieben. Dies nahm ueberraschend wenig Zeit in Anspruch, etwa eine Stunde waren die Jungs morgens in der Schule, dann kamen sie zurueck ins Internat und wollten beschaeftigt sein. Leider spielte das Wetter nicht immer mit und manchmal mussten wir den ganzen Tag in den Familienraeumen verbringen. Was nicht gerade zur Beruhigung der teilweise ziemlich rappligen Gemueter meiner Kleinen beitrug, wie man sich vorstellen kann.
Uns fehlte der Vormittag, den wir sonst frei haben, um uns auszuruhen, Dinge zu erledigen oder vorzubereiten und wir waren manchmal sehr gestresst. Dann wurde meine Erzieherin krank und ihr Mann, der selber eine Familie hat, uebernahm vertretungsweise das Ruder bei uns. Oder schickte Johannes, der eigentlich in seiner Familie arbeitet, zu meiner Unterstuetzung. Trotzdem gab es Situationen, in denen ich nicht mehr weiterwusste, konnte und an meine Grenzen stiess. Meine grossen Jungs haben ab und zu demonstriert, wie wenig Lust sie haben, mit mir zusammenarbeiten und mich und das, was ich sage, respektieren.
Von Seiten des Erziehers kam aber tolle Unterstuetzung und ich war dann teilweise in seiner Familie mit den grossen Jungs und er mit meinen kleinen zusammen. Dabei hab ich gemerkt, dass es auch mit zunehmendem Alter nicht einfacher wird. Bei manchen der Neuntklaessler hat man das Gefuehl, gegen eine Wand zu reden, sie hoeren einfach ueberhaupt nicht. Eher noch machen sie sich lustig, provozieren weiter.
Dennoch gibt’s auch dort ein paar, die nicht ganz so pubertaer sind und insgesamt wars spannend, das Leben in der anderen Familie auch mal zu erleben, dabei zu merken, dass es nicht nur bei einem selber schwierig ist. Und sich dann wieder auf die Kleinen zu freuen, wenn man sie einen ganzen Tag lang gar nicht gesehen hat.
Der Koenig kommt…oder doch nicht??
Kurz vor Beginn der zweiten Ferien gab es noch grosse Aufregung, denn der Koenig hoechstpersoenlich hatte sich angekuendigt. Natuerlich alles unter Vorbehalt, es standen noch einige andere Einrichtungen zur Auswahl und ohnehin sollte alles erst in letzter Minute entschieden werden. Nichtsdestotrotz war eine ganze Weile lang ein Arbeitstrupp auf dem Gelaende beschaeftigt, um allerlei kaputte Dinge zu reparieren, kleine Mauern aufzuschichten, neue Baeumchen zu pflanzen und vor allem ausgiebig Pause zu machen:
Es war herzerfrischend zu beobachten, wie mindestens drei Viertel der Arbeitskraefte den restlichen Arbeitenden zuschauten.
Typisch arabisch??
Jedenfalls sagte kurz vor dem grossen Tag der Koenig ab, stellvertretend sollte sein Bruder Prinz Feisal kommen. Das war natuerlich nur ein kleiner Trost, man hatte sich auf seine Majestaet hoechstselbst eingestellt. Alle waren dennoch eifrig weiterhin mit Fegen, Steine und Muell sammeln und dergleichen beschaeftigt, um die Schule besucherfein herzurichten.
Der Tag war leider sehr enttaeuschend. Eine Menge wichtiger Leute war da, die Schueler mussten die ganze Zeit ueber abseits warten und haben Prinz Feisal nur von ferne zu Gesicht bekommen. Ueberhaupt war er nur etwa 5 Minuten da, schuettelte Haende, pflanzte kurz ein Baeumchen (es war Tag des Baumes) und brauste wieder davon.
Dann gingen alle Jungs in die Ferien und wir atmeten erstmal auf.
Nayef
Ein Junge aus meiner Family, der mir manchmal Sorgen macht. Er geht in die erste Klasse und ist 6 Jahre alt. Sein Vater scheint ziemlich unberechenbar und aggressiv zu sein, weswegen auch seine Mutter irgendwo anders wohnt. Nayef selbst war anfangs sehr distanziert und abwartend vorsichtig, ist vom Verhalten her aber immer eher auffaellig und aufmerksamkeitserrgend. Nach einiger Zeit wurde er immer offener, kam auf mich zu und hat etwas Vertrauen gefasst.
Jetzt nach den langen Ferien scheinen wir wieder bei Null anzufangen. Haeufig passiert es, dass ich etwas von ihm moechte, das er nicht will, wenn er z.B. nicht einsieht, dass er seinen Pyjama ausziehen soll. Dann diskutiert er nicht, sondern wendet sich ab und reagiert gar nicht mehr, blockt total ab. Man kommt in dem Moment gar nicht an ihn ran, sondern redet wie gegen eine Wand.
Es ist generell so, dass er immer Zeit braucht. Wenn man draengelt, erreicht man nur, dass gar nichts mehr geht. Im Sport versteht er die Spiele oder Aufgaben meistens erst als letzter. Er hat auch oft Koordinationsschwierigkeiten und ein Problem mit scheinbar „einfachen“ Dingen, z.B. ueber eine Linie zu springen.
Man kann bei ihm jedoch schoen feststellen, wie ihm kleine Uebungen gut tun und er auf Dauer Fortschritte macht. Manchmal ueberrascht er auch voellig unerwartet, wenn er z.B. im Sport eine fast perfekte Vorwaertsrolle hinlegt.
Waehrend des Schreibenuebens hab ich festgestellt, dass er trotz
Konzentrationsproblemen ziemlich intelligent ist und mehr kann, als man vermuten wuerde. Haeufig laeuft es so ab, dass ich ihm eine kleine Aufgabe stelle und ihn dann erstmal in Ruhe lasse. Nach einiger Zeit zeigt er mir stolz, wie er sie geloest hat. Das macht ihm riesig Spass, er fragt haeufig, wann wir wieder schreiben ueben. Ausserdem schneidet er gerne aus oder malt, man merkt auch hier, wie er dabei immer besser wird.
Er ist gut mit Ahmed befreundet, der ebenfalls in meiner Familie wohnt, und mit dem er immer mal wieder Dummheiten macht. Oft hab ich dabei das Gefuehl, dass sich Nayef gar nicht dessen bewusst ist, dass das, was er gerade macht, „falsch“ ist. Denn wenn ich etwas sage, wirkt er geradezu ueberrascht und gar nicht schuldbewusst wie Ahmed.
Die Haltung auf dem mittleren Foto nimmt Nayef momentan fast immer ein, wenn er merkt, dass er fotografiert wird. Auch wenn das die anderen Jungs bloed finden oder ueber ihn lachen, er meint das voellig ernst.
Die Ferien…
In den ersten Ferien ueber Weihnachten und Silvester waren wir ausgiebig in Jerusalem und noch ein bisschen in Israel und den besetzten palaestinensischen Gebieten. Besonders Bethlehem, das quasi von der sogenannten „Schutzmauer“ komplett eingeschlossen wird, hat mich beeindruckt und vor Augen gefuehrt, wie wenig man in Deutschland von solchen Sachen mitbekommt, wenn man nicht staendig bohrt. In den alltaeglichen Nachrichten tauchen keine Haeuser auf, die von 3 Seiten Mauerwand umgeben sind. Man hoert weder von Familien, die durch diese Mauer getrennt wurden und sich nur schwer sehen koennen, noch von der Situation an den Checkpoints, an denen man als Auslaender privilegiert behandelt wird und an haeufig stundenlang wartenden Palaestinensern vorbeigewunken wird. Oder von einem Hotel, das schliessen musste, weil es durch die Mauer aus Ostjerusalem ausgegrenzt wurde und so natuerlich keine Gaeste mehr kamen.
Solche „Geschichten“ gehoeren fuer die Palaestinenser dort zum Alltag, mit dem sie tagtaeglich konfrontiert sind und umgehen muessen. Doch fuer viele Menschen stellen sie wahrscheinlich immer noch verhaeltnismaessig kleine „Unannehmlichkeiten“ dar, da sie mit viel groesseren Problemen zu kaempfen haben.
Viele Dinge haetten wir als „normale Touristen“ auch nicht erfahren, gaebe es nicht Nazmi. Dieser ist ein Freund von Johannes´ Eltern, wohnhaft in Ostjerusalem, der (inklusive Familie) uns einen unglaublich warmen Empfang bereitet hat und uns den ganzen Urlaub mit Rat und Tat zur Seite stand. Durch ihn haben wir von vielen dunkleren Seiten der hiesigen Politik erfahren.
Westjerusalem und Israel kamen mir unheimlich europaeisch vor, ausserdem erstaunlich gruen und bewachsen, was ich so nicht erwartet hatte.
Nach diesen Ferien und allem, was wir gesehen und gehoert haben, kann ich den Staat Israel und seine Auswirkungen nicht objektiv betrachten. Und gutheissen demnach auch nicht.
Aegypten war ganz anders. Wir waren zuerst in Cairo. In so einer grossen Stadt war ich bisher noch nie. 7 Millionen Einwohner hat sie offiziell, doch die Dunkelziffer liegt momentan bei etwa 15 Millionen. Leicht vorstellbar, blickt man auf die Menschen- und Automassen, die sich durch die Strassen schieben. Auch flaechenmaessig ist Cairo riesig.
Die islamische Altstadt ist toll, es gibt so viele alte wunderschoen Haeuser und Moscheen, in einigen konnten wir aufs Minarett steigen. Manchmal eine echte Herausforderung fuer meine Hoehenangst, die aber immer mit toller Aussicht ueber die Umgebung (teilweise bis zu den Pyramiden!) belohnt wurde.
Alles natuerlich gegen Baksheesh(Trinkgeld), was ueberhaupt fuer jeden Handgriff verlangt wird. Auch ein echter Unterschied zu Jordanien. Manchmal wurde einem quasi das Gepaeck aus der Hand gerissen, obwohl man es gar nicht wollte. Man konnte geben, wieviel man wollte, es war selten genug und es folgten Forderungen nach mehr. Waehrenddessen aergerte man sich, da man schliesslich niemanden gebeten hatte, das Gepaeck zu tragen.
Auch die staendigen Sprueche der Haendler, die einen mit deutschen Floskeln locken wollten, gingen mir schon bald ziemlich auf die Nerven. Aber wenn man bedenkt, wie gross die Armut in Aegypten und verhaeltnismaessig reich man selber ist, dann relativiert das vieles. Ich habe im Reisefuehrer gelesen, dass solche kleinen „Handlangeraufgaben“ (z.B. Schuhe-Hueten, wenn man in der Moschee ist), die mit Baksheesh entlohnt werden, die einzige Einnahmequelle fuer viele Leute sind. Sie waeren sonst beschaeftigungslos und haben so zumindest einen kleinen Verdienst.
Wir haben in Aegypten ansonsten viele Tempel, Pyramiden und Graeber besichtigt, sind also entlang des Nils gereist. Was auch ziemlich interessant war, wenn man nicht gerade von Touristenmassen ueberrannt wurde. An manchen Orten war das wirklich schlimm.
Insgesamt war in Aegypten vieles ganz anders als in Jordanien und es war spannend, das zu erleben. Eindruecklich auch, zum Beginn und Abschluss unserer Reise die aegyptischen Gastarbeitermassen auf der Faehre zu sehen, die entweder heim oder zu ihrer Arbeit nach Jordanien fuhren.
…und zurueck zur Arbeit
Die Zusammenarbeit mit meiner Erzieherin klappt momentan im Allgemeinen ganz gut.
Dennoch fuehle ich mich ab und zu von ihrer Art mir oder den Kindern gegenueber vor den Kopf geschlagen, wenn ich bestimmte Massnahmen oder Regeln einfach nicht nachvollziehen kann. Jedoch scheinen wir fuer den Moment einen Weg gefunden zu haben, wie wir ohne groessere Probleme zusammenarbeiten koennen. Sie ist zur Zeit morgens aus gesundheitlichen Gruenden nicht in der Familie und ich bin alleine oder Johannes ist mit da und alles klappt normalerweise ganz prima.
Interessant (aber manchmal auch frustrierend) ist hier auch immer wieder, wie viel besser meine 14-Jaehrigen auf ihn hoeren als auf mich..
Ueber die Haelfte des Einsatzes ist vorbei und ich merke, wie ich mich angepasst und veraendert habe. Ich bin deutlich strenger geworden und habe mich so der Art und Weise meiner Erzieherin angenaehert, nehme aber auch viele Situationen lockerer und sehe sie nicht so verbissen wie vorher. Vieles klappt immer noch nicht und ich bin haeufig frustriert von den Jungs, dem Umgang miteinander, mir selbst, wenn ich mich frage, ob ich hier überhaupt etwas nutze.
Denn es gibt viele Dinge, die mit meinen Vorstellungen ueberhaupt nicht zusammenpassen und die ich deshalb bewusst nicht so machen will. Gleichzeitig ist das oft nicht moeglich, weil es an den hier herrschenden Verhaeltnissen aneckt. Also muss ich ueber meinen Schatten springen, um nicht staendig dazwischenzufunken und auch mich selbst zu frustrieren. Denn wenn alles hier anders laeuft, dann kann ich nicht einfach auf meinen Prinzipien stehen bleiben und blind nach ihnen handeln, ohne zu schauen, ob sie mit der Kultur hier ueberhaupt in Einklang stehen. So wird es meistens zu einem Kompromiss zwischen meinen und den hiesigen Vorstellungen.
Und manchmal gibt es auch Erfolgserlebnisse, wie z.B. mit Nayef, wenn er sich morgens einmal ohne Gezanke anzieht und sich dann freut, wenn ich mich ueber ihn freue.
Viele Gruesse,
Eure Susanne
Liebe Unterstuetzer,
die letzten 2 Monate sind wie im Flug vergangen. Das neue Jahr hat angefangen, wie das alte aufgehoert hat: mit Ferien. Da kann man sich nicht beklagen.
Hoffentlich hattet ihr alle einen aehnlich guten Start in 2007!
Die Zeit zwischen den Ferien war gezeichnet von Stress. Es wurden Examen geschrieben. Dies nahm ueberraschend wenig Zeit in Anspruch, etwa eine Stunde waren die Jungs morgens in der Schule, dann kamen sie zurueck ins Internat und wollten beschaeftigt sein. Leider spielte das Wetter nicht immer mit und manchmal mussten wir den ganzen Tag in den Familienraeumen verbringen. Was nicht gerade zur Beruhigung der teilweise ziemlich rappligen Gemueter meiner Kleinen beitrug, wie man sich vorstellen kann.
Uns fehlte der Vormittag, den wir sonst frei haben, um uns auszuruhen, Dinge zu erledigen oder vorzubereiten und wir waren manchmal sehr gestresst. Dann wurde meine Erzieherin krank und ihr Mann, der selber eine Familie hat, uebernahm vertretungsweise das Ruder bei uns. Oder schickte Johannes, der eigentlich in seiner Familie arbeitet, zu meiner Unterstuetzung. Trotzdem gab es Situationen, in denen ich nicht mehr weiterwusste, konnte und an meine Grenzen stiess. Meine grossen Jungs haben ab und zu demonstriert, wie wenig Lust sie haben, mit mir zusammenarbeiten und mich und das, was ich sage, respektieren.
Von Seiten des Erziehers kam aber tolle Unterstuetzung und ich war dann teilweise in seiner Familie mit den grossen Jungs und er mit meinen kleinen zusammen. Dabei hab ich gemerkt, dass es auch mit zunehmendem Alter nicht einfacher wird. Bei manchen der Neuntklaessler hat man das Gefuehl, gegen eine Wand zu reden, sie hoeren einfach ueberhaupt nicht. Eher noch machen sie sich lustig, provozieren weiter.
Dennoch gibt’s auch dort ein paar, die nicht ganz so pubertaer sind und insgesamt wars spannend, das Leben in der anderen Familie auch mal zu erleben, dabei zu merken, dass es nicht nur bei einem selber schwierig ist. Und sich dann wieder auf die Kleinen zu freuen, wenn man sie einen ganzen Tag lang gar nicht gesehen hat.
Der Koenig kommt…oder doch nicht??
Kurz vor Beginn der zweiten Ferien gab es noch grosse Aufregung, denn der Koenig hoechstpersoenlich hatte sich angekuendigt. Natuerlich alles unter Vorbehalt, es standen noch einige andere Einrichtungen zur Auswahl und ohnehin sollte alles erst in letzter Minute entschieden werden. Nichtsdestotrotz war eine ganze Weile lang ein Arbeitstrupp auf dem Gelaende beschaeftigt, um allerlei kaputte Dinge zu reparieren, kleine Mauern aufzuschichten, neue Baeumchen zu pflanzen und vor allem ausgiebig Pause zu machen:
Es war herzerfrischend zu beobachten, wie mindestens drei Viertel der Arbeitskraefte den restlichen Arbeitenden zuschauten.
Typisch arabisch??
Jedenfalls sagte kurz vor dem grossen Tag der Koenig ab, stellvertretend sollte sein Bruder Prinz Feisal kommen. Das war natuerlich nur ein kleiner Trost, man hatte sich auf seine Majestaet hoechstselbst eingestellt. Alle waren dennoch eifrig weiterhin mit Fegen, Steine und Muell sammeln und dergleichen beschaeftigt, um die Schule besucherfein herzurichten.
Der Tag war leider sehr enttaeuschend. Eine Menge wichtiger Leute war da, die Schueler mussten die ganze Zeit ueber abseits warten und haben Prinz Feisal nur von ferne zu Gesicht bekommen. Ueberhaupt war er nur etwa 5 Minuten da, schuettelte Haende, pflanzte kurz ein Baeumchen (es war Tag des Baumes) und brauste wieder davon.
Dann gingen alle Jungs in die Ferien und wir atmeten erstmal auf.
Nayef
Ein Junge aus meiner Family, der mir manchmal Sorgen macht. Er geht in die erste Klasse und ist 6 Jahre alt. Sein Vater scheint ziemlich unberechenbar und aggressiv zu sein, weswegen auch seine Mutter irgendwo anders wohnt. Nayef selbst war anfangs sehr distanziert und abwartend vorsichtig, ist vom Verhalten her aber immer eher auffaellig und aufmerksamkeitserrgend. Nach einiger Zeit wurde er immer offener, kam auf mich zu und hat etwas Vertrauen gefasst.
Jetzt nach den langen Ferien scheinen wir wieder bei Null anzufangen. Haeufig passiert es, dass ich etwas von ihm moechte, das er nicht will, wenn er z.B. nicht einsieht, dass er seinen Pyjama ausziehen soll. Dann diskutiert er nicht, sondern wendet sich ab und reagiert gar nicht mehr, blockt total ab. Man kommt in dem Moment gar nicht an ihn ran, sondern redet wie gegen eine Wand.
Es ist generell so, dass er immer Zeit braucht. Wenn man draengelt, erreicht man nur, dass gar nichts mehr geht. Im Sport versteht er die Spiele oder Aufgaben meistens erst als letzter. Er hat auch oft Koordinationsschwierigkeiten und ein Problem mit scheinbar „einfachen“ Dingen, z.B. ueber eine Linie zu springen.
Man kann bei ihm jedoch schoen feststellen, wie ihm kleine Uebungen gut tun und er auf Dauer Fortschritte macht. Manchmal ueberrascht er auch voellig unerwartet, wenn er z.B. im Sport eine fast perfekte Vorwaertsrolle hinlegt.
Waehrend des Schreibenuebens hab ich festgestellt, dass er trotz
Konzentrationsproblemen ziemlich intelligent ist und mehr kann, als man vermuten wuerde. Haeufig laeuft es so ab, dass ich ihm eine kleine Aufgabe stelle und ihn dann erstmal in Ruhe lasse. Nach einiger Zeit zeigt er mir stolz, wie er sie geloest hat. Das macht ihm riesig Spass, er fragt haeufig, wann wir wieder schreiben ueben. Ausserdem schneidet er gerne aus oder malt, man merkt auch hier, wie er dabei immer besser wird.
Er ist gut mit Ahmed befreundet, der ebenfalls in meiner Familie wohnt, und mit dem er immer mal wieder Dummheiten macht. Oft hab ich dabei das Gefuehl, dass sich Nayef gar nicht dessen bewusst ist, dass das, was er gerade macht, „falsch“ ist. Denn wenn ich etwas sage, wirkt er geradezu ueberrascht und gar nicht schuldbewusst wie Ahmed.
Die Haltung auf dem mittleren Foto nimmt Nayef momentan fast immer ein, wenn er merkt, dass er fotografiert wird. Auch wenn das die anderen Jungs bloed finden oder ueber ihn lachen, er meint das voellig ernst.
Die Ferien…
In den ersten Ferien ueber Weihnachten und Silvester waren wir ausgiebig in Jerusalem und noch ein bisschen in Israel und den besetzten palaestinensischen Gebieten. Besonders Bethlehem, das quasi von der sogenannten „Schutzmauer“ komplett eingeschlossen wird, hat mich beeindruckt und vor Augen gefuehrt, wie wenig man in Deutschland von solchen Sachen mitbekommt, wenn man nicht staendig bohrt. In den alltaeglichen Nachrichten tauchen keine Haeuser auf, die von 3 Seiten Mauerwand umgeben sind. Man hoert weder von Familien, die durch diese Mauer getrennt wurden und sich nur schwer sehen koennen, noch von der Situation an den Checkpoints, an denen man als Auslaender privilegiert behandelt wird und an haeufig stundenlang wartenden Palaestinensern vorbeigewunken wird. Oder von einem Hotel, das schliessen musste, weil es durch die Mauer aus Ostjerusalem ausgegrenzt wurde und so natuerlich keine Gaeste mehr kamen.
Solche „Geschichten“ gehoeren fuer die Palaestinenser dort zum Alltag, mit dem sie tagtaeglich konfrontiert sind und umgehen muessen. Doch fuer viele Menschen stellen sie wahrscheinlich immer noch verhaeltnismaessig kleine „Unannehmlichkeiten“ dar, da sie mit viel groesseren Problemen zu kaempfen haben.
Viele Dinge haetten wir als „normale Touristen“ auch nicht erfahren, gaebe es nicht Nazmi. Dieser ist ein Freund von Johannes´ Eltern, wohnhaft in Ostjerusalem, der (inklusive Familie) uns einen unglaublich warmen Empfang bereitet hat und uns den ganzen Urlaub mit Rat und Tat zur Seite stand. Durch ihn haben wir von vielen dunkleren Seiten der hiesigen Politik erfahren.
Westjerusalem und Israel kamen mir unheimlich europaeisch vor, ausserdem erstaunlich gruen und bewachsen, was ich so nicht erwartet hatte.
Nach diesen Ferien und allem, was wir gesehen und gehoert haben, kann ich den Staat Israel und seine Auswirkungen nicht objektiv betrachten. Und gutheissen demnach auch nicht.
Aegypten war ganz anders. Wir waren zuerst in Cairo. In so einer grossen Stadt war ich bisher noch nie. 7 Millionen Einwohner hat sie offiziell, doch die Dunkelziffer liegt momentan bei etwa 15 Millionen. Leicht vorstellbar, blickt man auf die Menschen- und Automassen, die sich durch die Strassen schieben. Auch flaechenmaessig ist Cairo riesig.
Die islamische Altstadt ist toll, es gibt so viele alte wunderschoen Haeuser und Moscheen, in einigen konnten wir aufs Minarett steigen. Manchmal eine echte Herausforderung fuer meine Hoehenangst, die aber immer mit toller Aussicht ueber die Umgebung (teilweise bis zu den Pyramiden!) belohnt wurde.
Alles natuerlich gegen Baksheesh(Trinkgeld), was ueberhaupt fuer jeden Handgriff verlangt wird. Auch ein echter Unterschied zu Jordanien. Manchmal wurde einem quasi das Gepaeck aus der Hand gerissen, obwohl man es gar nicht wollte. Man konnte geben, wieviel man wollte, es war selten genug und es folgten Forderungen nach mehr. Waehrenddessen aergerte man sich, da man schliesslich niemanden gebeten hatte, das Gepaeck zu tragen.
Auch die staendigen Sprueche der Haendler, die einen mit deutschen Floskeln locken wollten, gingen mir schon bald ziemlich auf die Nerven. Aber wenn man bedenkt, wie gross die Armut in Aegypten und verhaeltnismaessig reich man selber ist, dann relativiert das vieles. Ich habe im Reisefuehrer gelesen, dass solche kleinen „Handlangeraufgaben“ (z.B. Schuhe-Hueten, wenn man in der Moschee ist), die mit Baksheesh entlohnt werden, die einzige Einnahmequelle fuer viele Leute sind. Sie waeren sonst beschaeftigungslos und haben so zumindest einen kleinen Verdienst.
Wir haben in Aegypten ansonsten viele Tempel, Pyramiden und Graeber besichtigt, sind also entlang des Nils gereist. Was auch ziemlich interessant war, wenn man nicht gerade von Touristenmassen ueberrannt wurde. An manchen Orten war das wirklich schlimm.
Insgesamt war in Aegypten vieles ganz anders als in Jordanien und es war spannend, das zu erleben. Eindruecklich auch, zum Beginn und Abschluss unserer Reise die aegyptischen Gastarbeitermassen auf der Faehre zu sehen, die entweder heim oder zu ihrer Arbeit nach Jordanien fuhren.
…und zurueck zur Arbeit
Die Zusammenarbeit mit meiner Erzieherin klappt momentan im Allgemeinen ganz gut.
Dennoch fuehle ich mich ab und zu von ihrer Art mir oder den Kindern gegenueber vor den Kopf geschlagen, wenn ich bestimmte Massnahmen oder Regeln einfach nicht nachvollziehen kann. Jedoch scheinen wir fuer den Moment einen Weg gefunden zu haben, wie wir ohne groessere Probleme zusammenarbeiten koennen. Sie ist zur Zeit morgens aus gesundheitlichen Gruenden nicht in der Familie und ich bin alleine oder Johannes ist mit da und alles klappt normalerweise ganz prima.
Interessant (aber manchmal auch frustrierend) ist hier auch immer wieder, wie viel besser meine 14-Jaehrigen auf ihn hoeren als auf mich..
Ueber die Haelfte des Einsatzes ist vorbei und ich merke, wie ich mich angepasst und veraendert habe. Ich bin deutlich strenger geworden und habe mich so der Art und Weise meiner Erzieherin angenaehert, nehme aber auch viele Situationen lockerer und sehe sie nicht so verbissen wie vorher. Vieles klappt immer noch nicht und ich bin haeufig frustriert von den Jungs, dem Umgang miteinander, mir selbst, wenn ich mich frage, ob ich hier überhaupt etwas nutze.
Denn es gibt viele Dinge, die mit meinen Vorstellungen ueberhaupt nicht zusammenpassen und die ich deshalb bewusst nicht so machen will. Gleichzeitig ist das oft nicht moeglich, weil es an den hier herrschenden Verhaeltnissen aneckt. Also muss ich ueber meinen Schatten springen, um nicht staendig dazwischenzufunken und auch mich selbst zu frustrieren. Denn wenn alles hier anders laeuft, dann kann ich nicht einfach auf meinen Prinzipien stehen bleiben und blind nach ihnen handeln, ohne zu schauen, ob sie mit der Kultur hier ueberhaupt in Einklang stehen. So wird es meistens zu einem Kompromiss zwischen meinen und den hiesigen Vorstellungen.
Und manchmal gibt es auch Erfolgserlebnisse, wie z.B. mit Nayef, wenn er sich morgens einmal ohne Gezanke anzieht und sich dann freut, wenn ich mich ueber ihn freue.
Viele Gruesse,
Eure Susanne
susannah - 6. Mär, 09:38
